|
„Etwas auf den Punkt bringen.“ ist eine Kunst für sich: Im Vielerlei das Entscheidende erkennen, in der Fülle das Wesentliche sehen. In unserer an Bildern und aus-schmückenden Ornamenten so reichen Kirche ist dem Künstler Karl Stilp das auf besondere Weise mit dem Kugeltabernakel gelungen. Hier ist auf den Punkt gebracht, was die Botschaft dieses Kirchenraumes ist: Jesus Christus, das Heil der Welt. Draußen zwischen den beiden Türmen der Basilika steht er als Salvator mundi, als Erlöser der Welt, die Weltkugel in seiner Hand haltend. Hier ist er gleichsam in der Welt, gegenwärtig im lebendigen Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn er in dieser Welt ist und bleibt, wenn er die Mitte dieser Welt ist, dann wird sie veredelt, golden, strahlend.
Gaukeln wir uns da nicht eine heile Welt vor? Oder müssen wir uns auf das berühmte Danach vertrösten lassen? Weder noch!
Die Gegenwart Jesu in der Welt ereignet sich in etwas Alltäglichem, Einfachem: in Brot, der Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Die Dichterin Hilde Domin hat es einmal so gesagt: „Wir essen Brot, aber leben vom Glanz.“ Der Kugeltabernakel lässt uns ein wenig von diesem Glanz erahnen, den uns Jesus Christus im Brot der Eucharistie schenkt. Ein Glanz, in dem wir uns sehen, mehr noch erkennen. In seinem Glanz finden wir uns.
Der Kugeltabernakel ist die Mitte der Figurengruppe, die die Verkündigungsszene darstellt. Der Erzengel Gabriel überbringt Maria die Botschaft, dass sie die Mutter Jesu werden soll. Gott wird Mensch, kommt in diese Welt, um sie zu retten und durch Christus der Ewigkeit entgegenzuführen.
Olivier Messiaen, Apparation de l’église éternelle – Erscheinung der ewigen Kirche
1932 ist dieses Werk entstanden. Akkorde schreiten langsam, aber mit äußerster Entschlossenheit voran. Die Harmonik und der unerbittliche Rhythmus symbolisieren zusammen das unabänderliche Gebäude, das sich aus dem Chaos erhebt. „Es ist die Braut Christi“, so der Komponist selbst, „erbaut aus den Steinen des Himmels, die die Seelen der Erwählten sind.“ Das Werk ist ein gewaltiges und „wie ein Fels aufgetürmtes Crescendo“, in dem die Kirche immer näher kommt, bis sie uns schließlich mit einem lang ausgehaltenen C-Dur-Akkord aufstrahlt. Dann kehrt das Stück symmetrisch zum Anfang zurück.
„Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht ich mache alles neu. ... Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende.“(Offb 21, 1-5a.6b) |
 |